Montag, 20. April 2009
Wie werde ich ein Blogger? II

Der große Ratgeber von Der Rundruf Teil 2


von Heidi Rathew

Da bist du ja wieder, lieber Dirk. Na dann, lass uns gleich weitermachen! Im letzten großen Ratgeber hast du gelernt, wie du dir ein tolles neues Blog bei blogger.de anlegst. Nun ist es an der Zeit deinen ersten Beitrag zu schreiben. Leider bist du aber nicht das traurige, pupertierende Mädchen, das du vorgeben möchtest zu sein. Also überlege dir genau, wie sich diese Gruppe ausdrückt und welche Themen im Leben eines solchen Mädchens eine Rolle spielen. Noch besser: Klaue von den anderen!

Recherche in der Blogosphäre

Da dir heute irgendwie die tolle Idee fehlt, klickst du dich einfach einmal durch ein paar andere Blogs. Nur keine flasceh Scheu, Dirk - Ein wahllos angeklicktes Blog ist mit gut 50-prozentiger Wahrscheinlichkeit aus dem von dir anvisierten Personenkreis. Während der Begutachtung einer Reihe dieser Machwerke lernst du einige wichtige Regeln:


1. Die Sprache

Du wirst ab jetzt sehr bedeutungsschwanger schreiben. Eine leichte Überheblichkeit gepaart mit mittelalterlicher Grammatik ist ein Muss! Baue Lautbilder ein. Hin und wieder ein *seufz* oder *eineeinsametränerannmeinewangeentlang* lässt die Leser mit dir mitfühlen. Mitleid ist besser als pure Aufmerksamkeit! Benutze auch viele negativ besetzte Adjektive. Grau, betrübt, totgeweiht, traurig, zerfließend, schmerzend sind Worte mit denen du ab jetzt die schönsten Dinge deines Alltags beschreibst. Außerdem solltest du ab und an (so in jedem zweiten Satz) wahllos 3 Punkte ins Satzbild platzieren. Das wirkt irgendwie, als ob du während des Schreibens mit dir selbst ringen würdest. Als ob du gerade unter Schmerzen deine Gedanken durch die Tastatur in das Blog gebierst. Fantastisch, oder? Dem furchtbaren "Web-Slang", den du dir durch Counterstrike in den letzten Jahren angewöhnt hast, musst du übrigens nicht den Rücken kehren! Du solltest allerdings darauf achten, ihn nur an den richtigen Stellen einzusetzen. Das ist manchmal schwieriger, als es sich anhört. Ein lol ist nur als zynischer Abschluss zu weltverachtender Ironie zu empfehlen, gepaart in dieser Situation vielleicht mit einem erbosten wtf. Wenn du es völlig deplazierst, wirkt es sogar ein bisschen manisch irre. Allzu positive Ausdrücke wie ftw (in dieser grauenvollen Welt gibt es keine Gewinner mehr) oder rofl passen jedoch nicht mehr zu deiner neuen Attitüde. Passender wäre für dich eigentlich rofc<> ...rolling on the floor, crying.


2. Die Grundeinstellung

Jedem geht's mal gut und mal schlecht. Bei den meisten Menschen pendelt es sich mit der Zeit in eine Art "Mirdochegal"-Stimmung ein. Nicht so bei dir, Dirk. Jedenfalls nicht bei deinem virtuellen Ebenbild. Du bist permanent traurig, zu Tode betrübt, frisch verlassen oder unglücklich (=unerwidert) verliebt. Und das auch noch in den Flaschen. Am liebsten würdest du sterben oder wenigstens alles vergessen. Außerdem kannst du es nicht leiden, wenn andere gute Laune haben. Aber deshalb schreibst du ja auch dieses Blog.


3. Die Themenwahl

Kein Thema ist zu doof! Nimm ein beliebiges Ereignis aus deinem Alltag und betrachte es aus der Sicht eines depressiven kleinen Luders. Erschreckend, nicht? Du musst es nur zu verpacken wissen! Beispiel:

Du warst heute einkaufen. Jemand hat sich in der Schlange vorgedrängelt, als du noch schnell eine Packung Kippen von der Nachbarkasse geholt hast.

Wen interessiert das? Genau, niemanden! Noch nicht einmal dich selbst. Aber sieh das mal als trauriges, pupertierendes Mädchen:

Hallo, ihr einsamen Seelen *seufz* Ich kann nicht mehr! Mein Körper gehorcht mir kaum noch, er will frei sein! Frei von meinen schwarzen Gedanken. Heute Morgen habe ich nach einer schlaflosen verheulten Nacht nach der verbeulten Schachtel Galoise (die Blauen) neben meinem Lager der Trostlosigkeit gegriffen. Doch... sie war leer! Leer wie meine Gedanken. Zerfressen von der Sehnsucht nach ihm, sehe ich keine Hoffnung mehr. Keine Chance, meine Seele zu betäuben. Später im Supermarkt begafft mich so ein ...Kranker. Ich überlege, mich ihm hinzugeben. Von ekel gepackt will ich sterben. Ich habe es satt. An der Kasse drücke ich den Knopf für meine Trostspender. Nichts passiert. Die Welt ist tot lol. An der Nachbarkasse geht der Automat, ich kann es kaum erwarten, die Verwirrung in meinem Kopf mit blauem Dunst zu verschleiern. Als ich zurückkomme hat dieser Gaffer meinen Wagen einfach zur Seite geschoben und sich an meinen Platz in der Schlange... gestellt. WTF! Ich würde ihm am liebsten die Augen auskratzen! Das ist nicht fair! Gott hasst mich... Ich zittere, mir ist kalt, ich spüre Gevatter Tod.


Macht doch gleich viel mehr her, oder? Sowas wird gern gelesen. Bestimmt glauben jetzt alle, dass es dir ganz mies geht und wollen dich trösten oder beschimpfen virtuell diesen bösen rein fiktiven Gaffer. Auf jeden Fall bist du jetzt etwas ganz besonderes. Das wissen nun alle und werden wie gebannt immer wieder dein Blog anklicken, in der Hoffnung, dass deine zu Text gewordene Traurigkeit Ihnen ein wenig hilft, die eigene trostlose Existenz zu ertragen. Hach, ist das Leben schön.


Lesen Sie demnächst den dritten Teil des großen Ratgebers! Lernen Sie mehr über die richtige Gestaltung der "Über..."-Seite, der Visitenkarte Ihres bloggenden Alter Egos. Bald schon hier, bei Der Rundruf!



Bereits erschienen: Wie werde ich ein Blogger?

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